Alt, weise, aber kein Fremdsprachengenie - Zwar ist das kostenlose MMORPG 9 Dragons typischer Grind-Trash mit Micropayment bis zum Abwinken, hat mir aber den einen oder anderen Sitzdekubitus abgerungen.
Was ich trotz mehrerer anfänglicher Lachanfälle nicht für möglich gehalten hätte – denn 9 Dragons ist eines der schlecht übersetztesten Spiele überhaupt, und auch grafische Ausfälle existieren in jeder Welt -, so hat es mich doch in den späteren Leveln auf die eine oder andere Art und Weise am Ball gehalten – sei es durch das Erlernen vielfältiger Kampfstile, die ich gerne in ihren zahlreichen Variationen auf die Spitze getrieben hätte, oder auch das sog. „Lebensregister“, in welchem Sammelleidenschaften nachgegangen werden darf bzw. bestimmte einmalige, helfende Gegenstände in einer Region aufgefunden, katalogisiert und archiviert werden dürfen.
Schwing dein Ming
Allerdings hätte ich von einem gestandenen Publisher wie Acclaim beziehungsweise inzwischen Gamescampus ein professionelleres Produkt erwartet, denn teilweise sind in die deutsche Fassung neben den aufgeführten Grundmängeln noch englische Dialoge in das MMO gerutscht, obwohl es bereits 2007 seine Beta-Phase durchlaufen hat. Und auch ein einziger europäischer, meist überfüllter Server zeugt nicht gerade von Bereitwilligkeit, den Spielern auf diesem Kontinent das Leben leicht zu machen…

"Fett sein" und "Wu Zapfen Reste"...
Urprünglich wurde das Onlinespiel 9 Dragons in Nordkorea entwickelt, später wurden die europäischen Rechte an Acclaim und schließlich Gamescampus übertragen – was aus dem Entwicklerstudio Indy 21 geworden ist, ist schwer zu sagen. Dennoch ist die Grafik für ein MMORPG älterer Bauart angemessen (Besitzer von Niedrig-Preis-PC’s dürfen sich freuen), die Karten und Laufwege sind übersichtlich, und sobald ihr die Fertigkeit “Leichtfuß” erlernt habt, steht einem Sprint durch die Lande nichts mehr im Wege, um unter Anderem auch nervtötende Monster und Hackebeil schwingende Krieger, die einen enormen Elan an den Tag legen, abzuhängen.
Der Inhalt des Spieles ist der Wuxia-Literatur entlehnt (Wu = Kampfkunst; Xia = fahrende Ritter/Krieger) und spielt in der Ming-Dynastie. Bestseller- und Drehbuch-Autor Steven-Elliot Altman schrieb die Hintergrundgeschichte und Quests extra für den westlichen Markt um.

Grafikfehler: Mann mit "Gesicht auf Hinterkopf"
Return of the Drunken Master
Ihr könnt euch einer von drei Fraktionen im Spiel anschließen: dem Weißen Klan (Wu-Tang, Shaolin), dem Schwarzen Klan (Heavenly Demon, Sacred Flower) oder dem Neutralen Klan. Die Klanauswahl übernimmt hierbei die klassische „Ich gehöre der Rasse der…“-Funktion, wobei anzumerken ist, dass es nur menschliche Avatare gibt. Sacred Flower ist beispielsweise ausschließlich für weibliche Mitspieler reserviert. Der Weg des Kriegers, des Magiers, Heilers oder Hybriden, den ihr einschlagt, hängt ganz von euren Taten ab und eröffnet sich erst im weiteren Spielverlauf. Das Levelsystem ist offen, die Grenze liegt bei weit über 200 Aufstiegen. Mit anderen Worten: Hier werdt ihr euch von den Questgebern sehr viele philosophische Dialoge anhören müssen…
Jetzt gilt es noch, sich der Gruppierung Ihrer Wahl anzuschließen. Jede von ihnen verleiht einer bestimmten Kampf- und Waffengattung einen Bonus. Die Wu Tang sind Schwertmeister, die Bettler Koryphäen der Stäbe, Shaolin benutzen Keulen und Knüppel usw. Insgesamt dürfen rund 400 Martial Arts-Stile und über 500 verschiedene Waffenarten pro Klan ausprobiert werden. Die Auswahl des Klans bestimmt aber vorerst nur euren Startpunkt im Spiel.
Für jeden Levelaufstieg erhaltet ihr Chi-Punkte, die ihr auf die „üblichen Verdächtigen“ verteilt: Stärke, Konstitution, Weisheit usw. Diese können in Heftai bei einem Lehrling gegen 10000 Gold resetet und neu verteilt werden.

Andächtiger Pennerschlaf
Hinzu kommt pro Level-up noch ein Meisterpunkt, den ihr einer Sondereigenschaft zuteilt, in der ihr eure Stärke zu sehen glaubt: Stab- oder Schwertkampf und viele Dutzend andere sekundäre Fähigkeiten. Gelevelt wird hierbei durch eine Mischung aus Quest und Kampf, wobei die Questpunkte einen eher geringfügigen Faktor einnehmen. Die Kung-Fu-Stile selbst können in die Quickbar gezogen und deren Fortschritt dort automatisch eingesehen werden – max. sind zwölf erreichbare Stufen möglich. Diese meist durch Konstributionspunkte erkauften Anwendungen müssen an Strohpuppen oder durch Meditation jedoch erst im Lager durch Minispiele gelernt werden. Konstributionspunkte erhaltet ihr, wenn ihr eurem Meister Geschenke hinterlasst. Das können Schwerter oder auch einfache Gebrauchsgegenstände sein – je nach Wert erhaltet ihr mehr Punkte.
Seid ihr schließlich Anwärter geworden, ist es ein sehr weiter Weg, bis ihr beim Meister vorsprechen könnt und dieser euch Spezialfähigkeiten lehrt. Bis dahin heißt es: Monster bis zum Umfallen verhauen und Quests abarbeiten, wobei neue meist erst nach einem Levelaufstieg frei geschaltet werden, aber auch das ist nicht zwangsläufig garantiert. Insgesamt sollen über 400 Quests implementiert sein.
„Jawohl, der feine Herr…“
Vorsicht bei den Elixieren, die ihr unterwegs findet: nicht blindlings einnehmen, denn einige steigern, andere verringern allerdings auch Attribute. Bei Waffen, welche die Kreaturen freigeben, besteht die Möglichkeit, diese zu verstärken. Dazu müsst ihr die Arena und dort einen bestimmten NPC aufsuchen; außerdem benötigt ihr ein Werkzeug-Tool, das ihr beim Schmied erwerbt. Waffen, die im Item-Shop gekauft werden, sehen zwar meist schöner aus, unterscheiden sich allerdings kaum in den Wertigkeiten.

Nachts sind alle Mäuse grau und "Drunken Master" blau
Habt ihr spezielle Quests, Kämpfe oder Klanaufgaben gelöst, erhaltet ihr schlussendlich auch noch einen von insgesamt bis zu fünfzig Titeln, nach deren Erreichen ihr euch selbst stolz auf die Schulter klopfen könnt.
Fazit:
Grafik-Fetischisten werden nicht unbedingt auf ihre Kosten kommen, auch wirken manche Gegenden trotz Monsterüberbevölkerung seltsam karg und blass. Für die vielfältigen Kampfanimationen gibt es aber ein sattes Plus zu vermerken. Auch dass Rucksäcke hinzugekauft werden können, um den ganzen Kram, den man den Viechern unterwegs abnimmt, gewinnbringend verkaufen zu können, hebt sich wohltuend von dem Inventareinerlei anderer Spiele ab. Die mangelnde Übersetzung, die sich teilweise fast schon wie wirres Gewäsch eines beliebigen koreanisch-deutschen Beipackzettels liest, ist allerdings der härteste Kritikpunkt. Würde es eine „Goldene Himbeere“ für die schlechteste Übersetzung in einem Computerspiel geben – das kostenlose MMORPG 9 Dragons stände ganz weit oben. Das lässt nur die Schlussfolgerung zu: das Spiel sollte schnell in den europäischen und deutschen Markt integriert werden, und heraus kommt dann so ein Kauderwelsch. Autsch!, sprach da der Drunken-Master-„Bettler-Anwerter“ und bekam einen Schluckauf.
Dieser Test wurde von Gerald Meyer verfasst.

