Schon seit der Grundschule waren viele von uns prädestiniert, irgendwann einem MMORPG zum Opfer zu fallen. Ungeduldig haben wir uns jede Woche erhofft, dass die Leichtathletikstunden im Sportunterricht ausfallen würden und stattdessen Fussball, Volleyball und Völkerball gespielt wird. In den Pausen haben wir Karten geklatscht, die Mädels waren Seilhüpfen und Papierkugeln wurden zum Ball und Mäppchen zu Toren.
Liegt unsere Freude am Spiel in unseren Genen oder ist sie ein kulturelles Erbe, das tief in der Geschichte des Menschseins verwurzelt ist? Haben wir einfach eine Sehnsucht nach mehr Fantasie in unserem Leben und spielen daher so gerne MMOs oder sind wir einfach nur „competetive", also Freunde von jeglicher Art von Wettbewerben? Und steckt in jedem von uns ein Spielkind?
Ja, definitiv. Es steckt in jedem von uns ein Spielkind. Schon als Kinder verbringen wir den ganzen Tag mit Spielen. In allen Kulturen gibt es unzählige verschiedene Formen von Spielen und das Spiel dient vor allem der Entspannung und sozialer Interaktion. Diesen Umstand verleugnen auch die großen Denker unserer Kultur nicht und sogar Tiere spielen miteinander.
Die Wissenschaft bejaht dies auch und geht sogar noch weiter: Wir lernen effektiver, wenn der Lehrstoff auch eine spielerische
Komponente beinhaltet. Gamern speziell wird dabei besonders gerne nachgesagt, dass ihre Fähigkeiten im Multi-Tasking ausgeprägter seien als die anderer Testgruppen, da sie viele Faktoren wie Cool Downs, wechselnde Gegner und die unterschiedlichen Strategien gegen diverse Kampfklassen oder in anspruchsvollen Bossfights, Geräuschekulissen in Shootern, Vorteile des Terrains und viele mehr beachten müssen, um erfolgreich Kämpfe zu bestehen. Und selbst Friedrich Schiller war der Meinung, dass ein Mensch erst vollständig Mensch sei, wenn er spiele.
Viele von uns würden dabei gerne auch beruflich dem Spielkind tief in ihrem Inneren den Raum bieten, sich auszuleben und so das Angenehme mit dem Notwendigen zu verbinden. Hierbei gilt eine alte Weisheit, nämlich, dass viele Wege nach Rom führen und daher sollte man niemals einen Traum aufgeben, sondern wirklich für das, was im Leben erwartet, kämpfen.
An der Hochschule München zum Beispiel, haben Studenten die Möglichkeit, in einem Kurs namens Rechnerarchitektur ihrer Leidenschaft nachzugehen. Ganze 15.000 Euro stand dieses Jahr den 70 Studierenden zur Verfügung, mit denen sie insgesamt 8 Megarechner für das Gaming-Erlebnis zu bauen. Dabei taten sie das nicht nur zum Spaß, sondern auch um mehr über die Konzeption eines leistungsfähigen Computers zu lernen.
So mussten sie auch das Preis-Leistungsverhältnis sowie auch anderen Faktoren beachten und das Ziel dieser Unterrichtseinheit war es, dass die Computerarchitektur nicht nur bei der trockenen Theorie blieb, sondern in die Praxis überging. Dieser Kurs war anscheinend ein Erfolg, denn auch in den kommenden Jahren sollen die Kursteilnehmer weiter an Gaming-PCs basteln dürfen.
Natürlich gibt es auch Quereinsteiger in der Branche, sei es Zufall oder Schicksal, die den Einsteig geschafft haben, ohne gleich Informatik oder ähnliches studiert zu haben. Es gibt viele Berufsfelder in der Gaming-Branche. Sei es als Developer, Lektor, in der PR-Abteilung oder Produktion - wer seiner Leidenschaft nachgehen möchte, muss sich zwar auf den Hintern hocken und was tun, dennoch ist es nicht unmöglich.
Aber zurück zum Spielkind in uns. Wenn wir an dieser Stelle ausführlich erörtern wollen würden, warum das Spiel in unserem Leben eine solch bedeutende Rolle spielt, würde das den Rahmen dieser Kolumne sprengen. Wir wissen nur intuitiv, dass das Spiel ein Teil unserer Persönlichkeit ist und irgendetwas in unserem Innern uns dazu treibt, stets neue Herausforderungen zu suchen.
Dabei haben wir eine Fähigkeit entwickelt, die, trotz aller Klischees über Hardcore-Gamer, die das Tageslicht nicht mehr kennen, uns zugute zu schreiben ist: Wir haben Ausdauer. Wir geben nicht auf, wenn wir an einem Boss wipen, begeben uns nach jedem Ingame Tod wieder auf das Schlachtfeld und wir kämpfen immer weiter. Und diese Fähigkeit sollten wir vor allem im Real Life uns zunutze machen.
Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass diese Kolumne auch ein kleines Plädoyer dafür ist, uns Gamern eben nicht diese Klischees anzuhängen, die die Gesellschaft immer wieder heraus kramt, sobald jemand unglücklicherweise auf der Strecke geblieben ist und Real-Life-Harakiri veranstaltet hat. Es ist traurig, wenn Menschen ihren Aggressionen nicht mehr Herr werden, doch sogenannte Ballerspiele sind nicht der Grund dafür, sondern viel mehr eine Leistungsgesellschaft, in der das einzelne Individuum oft nur auf Kostenfaktoren reduziert zu werden scheint oder von der Umgebung nicht anerkannt wird.
Wir sollten uns natürlich auch viel mehr selbst fragen, ob wir nicht im Umgang mit unseren Menschen mehr Nachsicht walten lassen sollten, um oft nicht noch mehr Salz in eine Wunde zu reiben, statt Medien wie MMOs als Indikator für Gewalt zu betrachten. Es ist nicht zu leugnen, dass manche Menschen das Maß nicht kennen, doch die breite Masse sieht Gaming als das an, was es ist: Eine Freizeitbeschäftigung, die Erholung und eine Herausforderung bietet. Und Spielen ist, wie Walter Kosar es sagte, ein Menschenrecht, und nur Arbeit und kein Spiel mache dumm, wie Karl Marx behauptete.
Und Spielkinder, die den Wert des Spielens betonten, gab es durch alle Zeitalter der westlichen Kulturgeschichte hindurch. In etlichen Generationen haben sich Persönlichkeiten der Geschichte philosophisch zum Thema Spielen geäußert, Persönlichkeiten wie Aristoteles, der sagte: „Spiele, damit du ernst sein kannst. Denn das Spiel ist ein Ausruhen, und die Menschen bedürfen, da sie nicht immer tätig sein können, des Ausruhens." Oder Einstein, der das Spiel zur höchsten Form der Forschung deklarierte, Schopenhauer, der sagte „Das Schicksal mischt die Karten, wir spielen" und Jean Paul, der behauptete, dass das Spiel die erste Poesie des Menschen sei und Essen und Trinken seine Prosa.
Dabei unterscheidet auch heute den 60 Jahre alten Kioskbesitzer, der strahlend seinen neuen Joystick auspackt, nicht viel von der PvP-Fanatikerin, die stolz von ihrem Monster-Gaming-PC erzählt. Uns und den zwölfjährigen Schüler, der den 40jährigen Unternehmer ownt sowie den Studenten, der darauf wartet, beide nach dem Duell zu ganken, verbindet etwas: Wir spielen alle gerne, weil es uns wirklich Freude macht und das am liebsten gemeinsam.
Spielen ist ein essentieller Teil von uns, entwickelt sich mit unserer Kultur, nicht gegen sie, und "Wir hören nicht auf zu spielen, weil wir alt werden,sondern wir werden alt, weil wir aufhören zu spielen", so wie es Oliver Mendel Holmes einmal ausdrückte. Also bleiben wir doch lieber in diesem Sinne, so lange es geht, Spielkinder.

